Über Macken und Karma

Die Chefin sagt immer, ich wäre ein Klischee-Hund, was meine Macken betrifft. Weil ich die Postleute angeblich nicht leiden kann. Weil ich laut belle, wenn ich schon von weitem die gelbe Kleidung sehe, oder die blaue von den anderen Briefzustellern. Dabei habe ich gar nichts gegen die Menschen – im Gegenteil. Viele von denen versuchen mich auf ihre Seite zu ziehen, zeigen mir, dass sie mich und im allgemeinen Hunde mögen. In ihren Taschen finden sich Leckerlis und ihre Hände kraulen mein Fell. Das ist doch prima! Manchmal belle ich schon deswegen, damit sie wieder versuchen mich zu besänftigen und damit sie ein Erfolgserlebnis haben, wenn ich dann lieb vor ihnen sitze und mich verwöhnen lasse. Aber eigentlich geht es mir um diese Gefährte, auf denen sie sitzen und von Tür zu Tür rollen. Die großen Taschen, in denen man junge Hunde anstelle der Post verstecken kann und die klappernden Geräusche, wenn sich diese Monster bewegen. Deshalb belle ich. Um sie zu verjagen. Damit sie mich nicht packen und fortschleppen. Nenne es Macke, ich sage, es ist Vorsicht.


Und ich gehe nicht unter einer Leiter hindurch – oder in unserem Fall unter einem Babyhochstuhl. Die Chefin hat dann mal geguckt, was Google zu diesem Aberglauben sagt und meinte, ich hätte wohl Loslass-Ängste. Aha! Schon mal drüber nachgedacht, dass das Gewicht der Mini-Chefin eventuell nicht Normgerecht ist und dass das Plastikstühlchen irgendwann nachgeben könnte? Was, wenn ich mich dann gerade darunter befinde? Außerdem ist es nicht gut fürs Karma, unter ungleichschenklichen Dreiecken hindurch zu gehen.


Apropos Karma. Ich grüße ständig alle mir bekannten und manchmal nicht bekannten Menschen und auch Hunde. Die wenigsten jedoch grüßen zurück. Mein fröhliches und lautes „Hallo!“ und die „Einen schönen Tag und guten Weg!“ – Wünsche ziehen bei den Zweibeinern meist ein Kopfschütteln oder ein aus-dem-Weg-springen nach sich. Meine Artgenossen reagieren manchmal noch rauer und rufen mir ein „Verpiss dich!“ hinterher. Andere klemmen die Rute zwischen die Beine und hauen ab. Geht’s noch unfreundlicher? Der Chef meint, das meine Lautheit nur wenige verstehen würden, aber das sind dann meine wahren Freunde. Die Schnucke und ihre Schnuckenmutti zum Beispiel, die freuen sich immer mit, wenn ich sie krawallartig begrüße, oder auch Roxy, die mir aus lauter Freude manchmal ihren Ball abgibt. Frau Fussel ist sogar so begeistert, dass ihre zarten Beinchen ganz aufgeregt um mich herumtrappeln. Geht doch! Alles eine Frage der Verständigung und auch Akzeptanz dafür, dass manche einfach aus dem Rahmen fallen. Ein Verstehen der kleinen und großen Macken. Wobei dass bei uns Vierbeinern einfacher ist, als bei den wohlgebildeteren Zweibeinern. Wir Hunde klären aufrichtig hintenrum, wer uns sympathisch ist und wer nicht. Und das meine ich nicht sprichwörtlich, sondern physisch korrekt von hinten an den Allerwertesten ran. Wenn’s nicht gut riecht, ist’s auch nicht gut.


„Manchmal“, so hat es mal die Chefin zu einem anderem Hundebesitzer gesagt, dessen Fellnase gerade genüsslich mit meinem Hintern beschäftigt war „wäre es einfacher, wenn wir Menschen das auf die selbe Art lösen würden. Dann gebe es weniger Missverständnisse.“


Daraufhin packte der junge Herr seinen alten Hund am Kragen, dann ins Auto, fuhr eine Staubwolke hinter sich herziehend davon und hinterließ eine achselzuckende Chefin.

Der Chefin ihre Macke: erst reden, dann denken. Was soll ich sagen? Ich habe sie trotzdem lieb. Der Chef auch. Trotz der peinlichen Situationen, in die sie ihn dadurch manchmal bringt.

Aber das ist das schöne an Macken, sie machen uns alle zu etwas Einzigartigem. Und entweder man kann damit leben, oder eben nicht.

„Doch so ehrlich wie in der Tierwelt, geht es leider bei den Menschen nicht zu.“, sagt die Chefin und guckt mich nachdenklich an.

„Weißt Du, vor über einem Jahr mussten wir dich kastrieren lassen und ich hatte solche Angst, dass du dich dadurch verändern würdest. Das aus dem Rockstarhund ein Schlager-Fiffi wird. Doch diese Sorge war unbegründet, denn du bist kein bisschen leiser geworden. Und das ist genau richtig so. Mir ist es egal, was Hanspeterwurst über dich denkt, ich habe dich genauso lieb, wie du bist. Und wenn du deine Phasen hast, dann weiß ich, dass diese vorüber gehen. Deswegen nehme ich nicht Abstand oder meide dich. Weil du bist, wie du bist. Voller Macken und so allerliebst.“ Dann knufft sie mich und krault mir die Brust. Ich verstehe, was sie sagen will…
 Karma 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s