Was’n da los?

„Hund!“, denke ich „Da stimmt was nicht.“ Seit ein paar Tagen beschenken meine beiden Menschen mich mit mehr Aufmerksamkeit. Sie streicheln mein Fell und werfen sich dann vielsagende Blicke zu. Was auch immer vorgehen mag, ich bin auf der Hut. Planen die zwei einen Urlaub ohne mich? Muss ich in den Kindergarten zu den anderen Banausen, deren Besitzer mal eben in den Flieger steigen oder außerhalb arbeiten? Ich werde es herausbekommen und lautstark meine Meinung kundtun.

Doch irgendetwas ist auch gestern geschehen. Irgendetwas mit mir. Ich bin mir noch nicht sicher, was es zu bedeuten hat, aber wenn ich an mir herabschaue, also dorthin, wo sichtbar meine Coronjes hängt, dann… Aber von vorn.

Die Chefin und der Chef haben Urlaub. Das erkenne ich an den fast ausgeschlafenen Gesichtern, dem seligen Grinsen und an der Zeit, die wir gemeinsam verbringen. Großartig! Am gestrigen Morgen sind wir eine schöne Runde durch den Park gelaufen und nach jedem erledigten Geschäft schwanzwedelte ich fröhlich zu meinen Besitzern zurück. Vielleicht rutschte als Belohnung ein Leckerli aus der Tasche. Tat es aber nicht. Das war etwas enttäuschend, dafür gab es jedoch eine Krauleinheit an Rücken und Hals. Also schlenderten wir zu dritt weiter durch das Frühlingsgrün und meine Menschen erfreuen sich an Vogelgezwitscher und Blütenduft – ich an Hecke ganz unten und an anderen Hinterlassenschaften meiner Kumpel. Wobei die Chefin ganz schön schimpfte, dass unser Viertel – mit Verlaub, das war ihre Ausdrucksweise – so zugeschissen ist. Überall Haufen. Große Haufen. Auch auf den Fußwegen. Ein reinster Hindernislauf. Wen juckt es, denke ich. Aber da ist sie anderer Meinung und zückt zur Bestätigung eine Tüte aus ihrer Tasche. Ich finde das merkwürdig. Sie findet es löblich. Und greift nach jedem meiner Geschäfte mit tütenumwickelnden Fingern voll in den Haufen, rümpft die Nase, atmet lautstark aus und ohne wieder Luft zu holen, stolpert sie zum nächsten Mülleimer. Blöd nur, wenn nicht gleich einer in der Nähe ist und die Chefin seltsam blass um die Nase wird.

„Atme!“ rufe ich ihr dann zu. Das macht sie auch, weil sie mir ein ermahnendes „pscht, pscht“ zuraunen muss.

Heute hat sie mit dem Chef einen Diskussionspartner gefunden und plötzlich ist der Vogelgesang passé. Dann höre ich meinen Namen. Gerade eine Bodenduftnote probieren wollend, schaute ich auf.

Tierarzt? Haben die gerade etwas von Tierarzt erzählt. Sie lächeln mich beide an, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Ich traue den Beiden nicht. Das ganze freundliche Getue, die Aufmerksamkeit, die Fellknutscherein. Ob ich einfach ausbüxe? Das tue ich dann doch nicht. So schlecht ist es bei meinem Doc nicht. Was soll schon passieren. Am Ende gibt es immer Mini-Würstchen fürs Liebsein. Und das beherrsche ich in Perfektion.

Tatsächlich sollte ich mich nicht täuschen, denn den Weg zurück vom Park gingen wir nicht zu Fuss, sondern fuhren mit dem Auto. Entgegengesetzt. Richtung Tierarzt.

Auch dort erschien alles zuerst freundlich wie immer. Etwas piekte in mein Bein, dann gingen wir wieder spazieren. Wobei ich darauf keine Lust mehr hatte, da mir mein Magen sprichwörtlich in den Kniekehlen hing. Seit dem gestrigen Abend hatte ich nicht ein Fitzelchen Futter erhalten. Und das bei meiner athletischen Figur! Ein bisschen habe ich Sorge, dass mir die Flanken einfallen. Wie bei dem klapprigen Hund, der klapprigen alten Dame. Schön sind die nicht.

Kurze Zeit später saßen wir wieder beim Arzt. Hintenrum wurde es eng, der Chef sah mich mitfühlend an. Jemand hantierte erneut an meiner Pfote und dann…

Aufgewacht bin ich in einem fast leeren Raum. Es stank nach Medizin und Desinfektionsmitteln. Ganz entfernt auch nach Katze. Und neben mit lagen meine Menschen. Die Chefin glotzte aus großen feuchten Augen auf mich und schniefte irgendwas von: „Muuu-uu-cki, mach mal ruhig.“

Ja klar. Ging auch gar nicht anders. Da hockte eine dicke weiße Wolke auf meinem Körper und machte sich unglaublich schwer.

Der Chef sagte nichts und kraulte mir den Nacken.

So ging das eine Weile. Der Chef neben mir, die Chefin vor mir. Stille. Nichts. Die Chefin neben mir, der Chef nicht im Raum. Stille. Nichts. Der Chef vor mir, die Chefin weg. Stille. Nichts. Ein leichtes Ziehen untenrum. Ein Bellen. Ein Schreien. Eine Katze die zum Kampf anfauchte. Gerumpel im Nebenraum. Eine fluchende Frau. Hände, die mich streicheln. Dann wurde an meiner Pfote herumgefummelt und die Chefin animierte mich aufzustehen. Ganz schön wackelig das, mit der schweren Wolke auf dem Rücken. Beim Schütteln konnte ich einen Teil von ihr abwerfen und kotzte gleichzeitig dem Chef vor die Füße. Ekelhaft! Ich stakste mit steifen Beinen um die Pfütze, die eiligst von einer fremden Frau entfernt wurde. Ich versuchte den Nebel vor meinen Augen mit lautem Schnauben zu vertreiben. Zum Bellen fehlte mir die Kraft. Zurück im Auto ließ ich die Wolke mich umhüllen und wachte erst auf, als der Chef das Auto parkte. Zwei Etagen und zehn Minuten später ließ ich mich auf mein Kissen fallen und verjagte im Traum den seltsamen Nebel und den letzten Wolkenfetzen von meinem Rücken.

Meine Menschen befanden sich ständig in meiner Nähe. Das war alles was zählte.

Dann brach die Nacht herein und mit ihr das Schlummerbedürfnis der Beiden. Zwischen meinen Hinterläufen juckte es. Ein stetes „pscht“ hielt mich vom Gucken ab. Was das Jucken nicht besser machte. Mein Magen knurrte. In der Dunkelheit hörte ich meine Freundin von gegenüber bellen. Und dann kam die Krönung dieses grandiosen Tages und der seltsamen Nacht. Ich bekam einen Lampenschirm um den Hals. Prima! Klasse! Und vor allem: wozu? Schlafen. War doof. Trinken. Ging nicht. Hunger. Ich bekam nichts. Jucken. Ich konnte nicht kratzen. Meine rechte Pfote pulsierte, da wo sich seit ein paar Stunden ein rotes Armband befand. Gegen 3.15 Uhr begann ich zu rebellieren und mit meinem Lampenschirm zu randalieren. Gar nicht so einfach so ein Ding fachgerecht durch eine Wohnung zu manövrieren. Die Chefin sprang aus dem Bett. Der Chef dann auch. Musste er. Hatte die Chefin gesagt. Und so dropste er am anderen Ende meiner Leine mit mir durch die Nacht, nachdem er mich von meinem ungewollten Schmuck befreit hatte. Danach war es besser. Heute soundso. Wir waren ein klein wenig im Park spazieren. Es gab zu Fressen. Das Jucken hat nachgelassen und ich habe zwischenzeitlich einen Blick zwischen meine Hinterläufe riskiert. Viel zu sehen ist nicht. Ein weißer Streifen klebt dort, wo meine Bommeln sitzen (…). Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll. Aber da kommt schon wieder die Chefin, grinst mich an und krault mir die Brust. In der Küche riecht es nach Hühnchen und ich weiß, was es heute zum Abendessen gibt…

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