Frühling 9.0

Ich drehe durch! Der Frühling klopft ans Türchen und nebst vielfältig sprießenden Krokussen, erblüht auch in mir eine taufrische Zuneigung zur erwachenden Natur. Die der läufigen Hundedamen, die ihre genussvollen Duftmarken gern eben auf jene Blümchen setzen, an denen ich später lecke und meine Chefin diese unwissend fotografiert. Weil die Chefin sich eben auch freut, dass der Winter seinen Rückzug angetreten hat, nur eben auf ihre Weise.

Da mir die Hinterlassenschaften der Damen jedoch so gut munden und meine Menschen das eklig finden, darf ich für eine bestimmte Zeit an einer zehn-Meter-Flexileine zappeln. Was wirklich lustig ist, wenn die Chefin jemand zum Schwatzen gefunden hat und kurz nicht auf mich achtet. Ich aber in der Ferne einen heiße Dame entdecke und mit Anlauf zu ihr sprinte. Nach zehn Metern ist Schluss. Schluss mit dem Erreichen meines Ziels und Schluss mit lustig. Für die Chefin und mich. Obwohl…ein heimliches Kichern nach der ersten Schrecksekunde kann auch ich mir nicht verkneifen. Denn während ich jäh gestoppt werde, greift die Zugkraft auch am anderen Ende der Leine zu. Und wer in Physik aufgepasst hat weiß, was es heißt, wenn sich knapp zwanzig Kilo Lebendgewicht um die Geschwindigkeit des Anlaufs maximieren. Der rechte Arm meiner Chefin hebt sich aus einer entspannten Rumbammelei heraus in die Waagerechte und während Arm und Schulter zuerst dem Zugzwang folgen, beschreibt ihr Kopf einen leichten Abwärtsknick nach links, bevor ihr ganzer Körper sich sprunghaft aus dem Unterhaltungsfeld ihres Gegenübers krümmt um anschließend fast einen Meter weiter im Grasmatsch zu landen. Einer ersten Eingebung nach schaue ich erschrocken und hilflos in ihre Richtung, überlege kurz ob ich dem Duft der Liebe folge oder aus Liebe eher meiner braungrünen Chefin beistehe. Schlussendlich ist sie es, die mich füttert. Ich laufe mit gesenktem Kopf meiner Menschin entgegen. Nicht weil ich mich schäme, sondern weil ich  mein Grinsen verberge.

Sie klopft sich vergebens die Spuren von nasser Erde und Gras aus der Jogginghose, während sie mich vorwurfsvoll anschaut und die Leine bei fünfzig Zentimer einfahren lässt.

„So Freundchen, dass war es mit Freiheit. Jetzt kannst du deine Nase gern in die Luft und nicht mehr in den Boden stecken.“

Ich schaue deprimiert. Mindestens fünf Minuten lang. Ich laufe bei Fuß und blinzele versucht entschuldigend in das Gesicht meiner Chefin. Sie blinzelt zurück.

„Ich weiß ganz genau, was du vorhast.“, guckt sie mit einem Anflug eines Lächelns auf mich herab.

Ich kann ihr eben nichts vormachen. Weder ich noch der Chef. Sie durchschaut uns beide. Denkt sie…

Wir laufen weiter und ich merke, wie die Leine langsam nachgibt und meine Chefin den Stopper der Flexileine gelöst hat. Ihre Gesprächspartnerin begleitet uns ebenfalls, als plötzlich ein Dobermann aus dem Gebüsch springt. Ich besudele mir fast vor Schreck die Hacken. Mein Frauchen schaut auch etwas blass, befiehlt dem Hundehühnen jedoch mit ausgetrecktem Zeigefinger, zurück zu seinem Herren zu gehen, den sie als Punkt irgendwo auf dem Weg ausmacht.

Der Dobermann fixiert erst meine Chefin, dann mich, dann unsere Begleitung, als wäre er unschlüssig, was zu tun sei. Seinen eigenen Herren scheint er schon vergessen zu haben. Ich beginne zu knurren, meine Lefzen zittern gefährlich um mein noch vollständiges Gebiss. Der Dobermann neigt seinen Kopf, als versuche er mich zu verstehen. Wieder schiebt sich meine Chefin zwischen uns und brüllt dem fremden Hund Befehle entgegen, während die andere Frau ebenfalls Befehle brüllt, aber in die Richtung des Besitzers. Dann wechseln sich die Frauen ab. Ich habe mittlerweile meine Toleranzgrenze erreicht und überlege zum Angriff überzugehen, ehe es der Andere tut. Doch bevor ich meine angekündigten Hiebe in die Tat umsetzen kann, trollt sich der Dobermann und wackelt schwanzlos vergnügt zurück zu seinem Herren, der entspannt qualmend endlich das Szenario erreicht hat.

„Junge!“, höre ich meine Chefin schimpfen. „Wechsel mal die Kräuter in deinem Paper und komm aus dem Knick.“

Dann trollt sich jeder in eine andere Richtung und verdaut die Situation auf seine Weise.

„Ist das bei dir immer so spannend?“, höre ich die Frau neben meinem Frauchen fragen. Diese guckt nur und grinst wissend. Ist halt noch alles dran, an dem kleinen Rockstar. Den Rest der Strecke bin ich sehr bemüht, jeden Anlass von Stress aus dem Weg zu gehen, denn über uns bricht sich die Dämmerung und damit auch die Zeit des Abendessens an.