Scream on Halloween.

Vor mir erstreckt sich ein stiller Bergsee, der in der Dämmerung violett schimmert. Die Luft ist klar und frisch. Berge umsäumen das Wasser wie stille Schattenriesen und der Mond hängt wie eine silbrige Scheibe am sich verdunkelnden Himmel. Während meine Menschen in der hell erleuchteten Blockhütte werkeln und würzige Düfte durch die geöffnete Tür wabern, habe ich mich rausgeschlichen um noch ein wenig von unserem Urlaubsort zu erkunden. Keine Menschenseele weit und breit. Stille.

Ich umlaufe das Grundstück und erschnüffele die wenige Nachrichten anderer Tiere, als ich rechts von mir ein Rascheln vernehme. Ich halte inne und meine Nasenspitze zittert in der kühlen Abendluft. Da, es raschelt wieder. Eine Pfote vor die andere setzend, gehe ich dem Geräusch nach. Ein feiner Duft streift mein empfindliches Geruchsorgan und ich folge ihm. Meine Augen haben sich etwas an das Dämmerlicht gewöhnt und so kann ich einen Schatten wahrnehmen, der seltsam unbeholfen, aber flink über den Boden huscht. Ich nähere mich leise. Der Schatten bleibt stehen. Ich auch. Eine kleine Weile vergeht, dann bewegt sich das seltsame Geschöpf weiter. Ich ebenfalls. Es bleibt erneut stehen, uns trennt kein Meter. Dann verformt sich die Gestalt und kugelt sich ein. Es reicht. Ich platze fast vor Neugier und tapse die letzten Zentimeter auf das Ziel zu. Es riecht etwas faulig. Mit meiner Schnauze stupse ich die Kugel an und fahre im selben Moment erschrocken zurück. Ein kurzes Aufjaulen unterstreicht den piekenden Schmerz meiner Nase. Ein Igel. Ich bin einem Igel auferlegen. Fast schon beleidigt belle ich ihn kurz an und trolle mich abschließend in die andere Richtung.

Ich muss besser aufpassen, denke ich noch und schaue zu den hellen Fenstern der Blockhütte, hinter denen ich die Chefin gestikulieren sehe. Der Chef lacht. Was die beiden da wohl machen? Plötzlich fährt die Hand der Chefin in die Höhe und ich kann schemenhaft ein Messer in ihrer Hand deuten. Ihr Schatten fällt dabei lang auf die Wand und es sieht aus, als wolle sie sich auf den Chef stürzen. Doch der lacht noch immer, also kann die Situation nicht so schlimm sein. Bestimmt erzählt sie ihm gerade von ihrer neuen Krimikomödie, an der sie gerade schreibt. Die Chefin ist nämlich Autorin. Sie muss das machen, hat sie mir mal erklärt, damit die ganzen bunten und manchmal merkwürdigen Gedanken einen Weg aus ihrem Kopf finden. Soll sie mal machen. Hauptsache es bleibt genug Raum und Zeit für mich. Für Hunderunden und Bauchkraulerei.

Ich drehe mich von der Hütte weg und trotte noch ein wenig um das Grundstück, als ein weiterer Duft meine Nase streift. Interessant, denke ich und folge der Spur. Sie scheint aus dem angrenzenden Wäldchen zu kommen und wird immer intensiver, je mehr ich mich den hohen Fichten nähere. Trockene Ästchen knacken unter meinen Pfoten, irgendwo schreit ein Vogel laut auf. Mein Nackenfell sträubt sich leicht. Ich bin ein Stadthund und mit den Gerüchen und Geräuschen der Großstadt bestens vertraut. Hier draußen in der Einöde jedoch, fällt ein wenig des Glamour um meine Rockstar-Attitüde ab und ich werde unsicher. Glücklicherweise kann das keiner meiner Kumpels sehen und so schleiche ich mich noch ein wenig vorwärts, meiner aufkommenden Angst ein Schnippchen schlagend. Ich übertrete die Waldgrenze und grabe meine Pfoten in weiches Moos. Zur Markierung meines Weges hebe ich am ersten Baum mein Bein und pissele gegen den Stamm einer Fichte. Mit der Nase in der Luft erhasche ich immer mehr der Duftspuren, die mich irgendwie süßlich-würzig kitzeln. Um mich herum herrscht wieder Ruhe und ich werde mutiger. Die ersten hundert Meter Wald liegen hinter mir und ich merke gar nicht, wie mich dieses geheimnisvolle Odeur immer weiter in die Tiefen des Forst zieht.

Plötzlich fällt direkt vor meiner Schnauze etwas herunter und fällt weich auf den moosigen Boden. Erschrocken ziehe ich meinen Schwanz ein und blicke nach oben. In der Baumkrone kann ich entfernt ein blinkendes Augenpaar ausmachen. Ängstlich belle ich auf. Meine Stimme klingt irgendwie zu hoch. Also versuche ich es noch einmal, mir selbst Mut zurufend. Das Augenpaar blinkt wieder.

„Hey, hey, wer bist Du?“, versuche ich es mit mehr Contenance.

Keine Antwort, nur ein Augenblinken.

„Sag, warum bewirfst du mich?“, fordere ich die Gestalt auf zu antworten.

„Krrrr kch kch krrrraaaaaa!“, erhalte ich als Ruf von oben und gleichzeitig vernehme ich ein leises Flügelschlagen.

Ich schüttele mich, als ich erkenne, dass ein Rabe mir diesen Streich gespielt hat.

„Arschloch!“, belle ich ihm hinterher und ärgere mich mehr über meine eigene Ängstlichkeit, als über den schwarzen Vogel.

Haltung annehmend gehe ich weiter in den Wald, noch immer den reizvollen Duft jagend. Die Spur wird deutlicher, intensiver. In meinem Kopf verdeutlicht sich das Bild einer wunderschönen, anmutigen und vor allem läufigen Hündin, welche vor Sehnsucht bebend, auf mich, den Rockstarhund wartet.

In dem Moment stupst mich von links eine weitere Duftnote an und lässt mich innehalten. Ich kräusele meine feine Nase und versuche mich nicht ablenken zu lassen. Puh! Das ist gar nicht so einfach, denn das Aroma wird intensiver, als ob sich mir etwas nähert. Etwas, was ich nicht mag, was Ärger verspricht. Ich halte weiter inne und versuche in der Dunkelheit ein Schemen zu erkennen. Meine Ohren sind aufgerichtet und tatsächlich höre ich ein leichtes Knacken im Gehölz. Teile des Geruches kenne ich, aber ich kann ihn einfach nicht deuten. Wie zur Androhung meiner Verteidigung hebe ich meine Lefzen und lasse mein weißes Gebiss im Mondschein aufblitzen. katzeDa blitzt noch etwas anderes auf, Gefahr versprechend. Grüngelb nähert sich mir ein Augenpaar auf gleicher Höhe. Dass es kein weiterer Rabe ist, kann ich an der Größe des nun deutlicher werdenden Schattens erkennen. Die giftig leuchtenden Augen scheinen Funken zu sprühen und ich vernehme ich leises, aber warnendes Fauchen. Mein Nackenfell sträubt sich starr nach oben und kurz überlege ich, ob Angriff die beste Verteidigung ist, als das Fauchen an Lautstärke und Intensität zunimmt. Kurzerhand klemme ich meinen Schwanz zwischen die Beine und gebe Fersengeld. Meine Pfoten berühren kaum den Boden, so fliege ich zwischen den Bäumen hindurch. Dass ich dabei winsele, bemerke ich kaum.

ku%cc%88rbisSchon kann ich die hell erleuchteten Fenster unseres Urlaubsdomizils zwischen den Bäumen erkennen und hoffe, dass das Waldmonster von mir abgelassen hat. Ich habe es fast geschafft und steuere geradewegs auf die Tür zu, als eine schreckliche Fratze mich mitten im Sprung erstarren lässt. Auf der Stufe vor der Tür hockt ein weiteres kugelrundes Monster und lacht orangegelb und stummelbezahnt in die Nacht.

„Hilfe! Hilfe!“, belle ich angsterfüllt auf. Das Lachen des Monsters wird breiter. Hinter mir höre ich wieder ein lautes Fauchen.

Ich versuche mich aus der Erstarrung zu lösen, als ich aus weiter Ferne meine Menschen nach mir rufen höre.

Dann berührt etwas Weiches meinen Kopf und ich löse mich mit einem Jaulen aus meiner Betäubung.

Zitternd blicke ich in die Augen meiner Chefin. Ich blinzele. Beide Schreckgespenster sind verschwunden, auch die Hütte am See. Ich liege auf meinem Kissen in der vertrauten Umgebung meines Zuhauses. Neben mir hocken meine Menschen, streicheln mich und reden beruhigend auf mich ein.

„Du hast geträumt.“, höre ich den Chef sagen. „Alles ist gut. Komm, es ist schon spät und Zeit für die Abendrunde.“

Ich hebe meinen Kopf kurz an und kuschele mich dann tiefer in meine Decken. Heute will ich nicht mehr vor die Tür gehen. Heute verkneife ich mir lieber sämtliche Notdurft und versuche im morgigen Tageslicht die Schrecken des Traumes zu vergessen. Und in der Ruhe und Behaglichkeit des Wohnzimmers, kratze ich die Reste meiner Rockstar-Attitüde zusammen und webe mir über Nacht einen neuen glamourösen Mantel.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s