Shades Of Grey -das Leben ist bunt.

„Die kommt aus Ungarn.“

„Hm, ich weiß.“

„Als ob wir hier nicht genug Hunde in den Tierheimen hätten.“

„Oh, mir war gar nicht bewusst, dass sich Tierschutz allein auf Deutschland begrenzt.“

„Wie meinen Sie das?“

„So wie ich es sage. Der Hund im ansässigen Tierheim hat genauso eine Chance auf ein gutes Zuhause, wie der Hund aus Ungarn, Polen, Tschechien oder irgendwoher. Zumal unsere Heime den Tieren ein Dach über dem Kopf und regelmäßiges Futter bieten. Das ist in anderen Ländern nicht immer bedingbar.“

Eine kurze Pause entsteht und ich schaue aufmerksam von meiner Chefin zu der anderen Frau, deren Mops mir gerade wiederholt am Hintern schnüffelt.

Manchmal denke ich, dass diese Art der Sympathiebekundung es auch Menschen einfacher machen würde, miteinander umzugehen. Eine kurze, aber intensive Geruchsprobe und schon klärt sich die Frage der Anziehung. Während ich meinen Gedanken nach- und den Mops versuche abzuhängen, wird das Gespräch und die Luft obenrum dünner.

„Aber musste es denn unbedingt ein Rottweiler sein? Diese Kampfhunde sind doch so gefährlich.“

Währenddessen versucht mich der Mops zu besteigen. Ich springe zur Seite und knurre die dicke Rüdin warnend an.

Meine Chefin tut ähnliches mit der Frau des aufdringlichen Hundes.

„Dann sollte ich lieber weitergehen, bevor das eine Drittel Kampftöle meines Hundes ihren Mops anfällt und zerfleischt.“

Sagt es und schnalzt auffordernd mit der Zunge in meine Richtung. Gottseidank, wir gehen weiter. Ich checke die neuesten Nachrichten an den Büschen und Bäumen, hinterlasse meinen Kommentar oder Gruß, während die Chefin tief die würzige Herbstluft einatmet und sich über bunte Blätter an den Bäumen freut. Sie versucht sich zu entspannen und dabei anderen Menschen aus dem Weg zu gehen, was an so einem sonnigen Tag nicht immer einfach ist. Mir ist das egal. Ich freue mich über meine Kumpels und gehe an den anderen einfach vorbei. Kopf oben, Rute auch. Die verstehen das – Menschen irgendwie nicht. Denn schon kommt die nächste Gruppe Hundebesitzer auf uns zu und ich sehe die Chefin versucht, einfach ins Gebüsch zu springen. Tut sie dann doch nicht und begrüßt die anderen mit einem halbfröhlichen ‚Hallo’.

Um mich herum wuseln nun zwei alte Bekannte, ein fluffiges Mädchen namens Püppi und ihr ebenso fluffiger best buddy Ernesto. Püppi sieht aus wie Bootsmann auf der Scholle, nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Benno Pludra. Das hat mein Frauchen lachend festgestellt, als sie einst beide – Hund und Hundemutti kennenlernte. Und tatsächlich schippert die Püppi mit ihren Chefs in den Ferien über den See. Ist ja nichts für mich, dieses Schaukeln im Wasser und die Wellen, die beständig gegen die Bootswand klatschen. Ich habe damit meine Erfahrungen sammeln dürfen und seitdem lehnt mein Herrchen es ab, mit mir in ein Boot zu steigen. Doch das ist eine andere Geschichte.

Ernesto schaut heute irgendwie verschlagener aus als sonst. Seine kleine Nase zittert in der Luft als wittere er Unangenehmes. Ich drehe meine Schnauze in selbige Richtung, so dass der leichte Herbstwind nicht mehr von hinten durch meine Beine zieht, sondern die Gerüche vorderseits meine empfindliche Nase erreichen. Ich muss Ernesto Recht geben, hier kommt Ärger auf uns zu. Ein Schatten fällt auf den Weg nach der Kurve und ihm folgt ein fast hüfthoher Schäferhund.

Hermann!

Ernesto und ich knurren synchron in die Richtung des Feindes. Mein Nackenfell sträubt sich. Die Haare meiner Chefin auch, denn meine Körpersprache richtig deutend, bemerkt sie kurz nach uns den Grund unserer plötzlichen Übellaunigkeit.

„Nicht schon wieder!“, seufzt sie auf und klickt mich parallel dazu in die Leine.

Püppi dagegen nimmt Anlauf und sprintet voller Vorfreude auf den Schattenhund zu.

„Stop, stop!“, bellen Ernesto und ich aufgeregt. Doch Püppi interessiert unsere Warnung nicht und springt im nächsten Moment an der Schnauze Hermanns hoch.

„Püppi!“, rufe ich nochmals aufgebracht und ziehe an der Leine, doch weder der Lederriemen noch mein Frauchen geben nach.

Uns einen vernichtendem Blick zuwerfend, dreht sich der Riese zu Püppi und öffnet seine dunkle Schnauze, aus der strahlend weiße, scharfe Zähne blitzen.

Ich kann mich gar nicht beruhigen. „Püppi! Püppi!“ Auch Ernesto reißt an seiner Leine. Und dann? Dann schleckt der Schrecken meiner schlaflosen Nächste der kleinen Püppi über ihre fellzerzauste Schnauze.

Ich verschlucke mich und muss husten. Das nimmt die Chefin zum Anlass, den anderen Damen ‚Adieu’ zu sagen und mich in entgegengesetzte Richtung fortzuziehen.

Halb hustend, halb schimpfend folge ich ihr unwillig, obwohl meine Angst um meine kleine Freundin noch nicht ausgestanden ist. Dann höre ich ihr freudiges Bellen und das Lachen Hermanns. An dieser Stelle muss ich einsehen, dass nicht alle meine Feinde auch Feinde meiner Freunde sind. So wie nicht alle Kampfhunde böswillig oder der Bezeichnung entsprechend sind. Und überhaupt, was soll das Wort Kampfhund? Meine Freundin Sunny ist eine Rottweilerdame. Sehr elegant, wunderschön und rotzfrech. Und alles was bei ihr im Kampf ausartet, ist das Schmusen. Sunny ist ein echter Kampfschmuser.

Bärbel dagegen, meine Ballfreundin, zickt und zwickt gern unliebsame andere Hündinnen, dabei ist sie ein kleines Jack-Russel-Fräulein und kein Rottweiler oder Dobermann. Aber so ist das im Leben, es ist nicht alles schwarz oder weiß. Ich bin es auch nicht. Vor allem nicht um die Schnauze, denn die wird langsam grau.

Das ist der Sexappeal des Hundes, hat mir die Chefin verraten. Seitdem trage ich das Alter mit Fassung und die Zudringlichkeit so mancher Dame mit mehr Nonchalance. C’est la vie und Salut, Euer Rockstarhund.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s