Das letzte Wort … habe immer noch ich.

„Was für eine Rasse ist der?“, fragte die eine, der ganz in blau gewandeten Damen meine Chefin, die etwas hilflos mit den Schultern zuckt. Dann zuckt es kaum vernehmbar um ihre Mundwinkel und ich ahne Schalkhaftes.

„Pokö-Labbistafvis*.“, jetzt war es draußen.

„Wie meinen?“

Sie entschließt sich, verständlicher zu antworten. „DER ist keine Rasse.“

„Ein Mischling also.“, begreift die Uniformierte. Sie hat viele Falten im Gesicht, wie mein Kumpel Erwin, ein Shar-Pei. Im Gegensatz zu ihm sieht sie jedoch weniger drollig aus. Eher so, als hätte man ihr drei Tage nichts zu essen gegeben. Ihre Lefzen hängen auf halb acht, genau wie das graubraune Fell auf ihrem Kopf.

Jetzt spricht die andere Dame und ich blicke interessiert zu ihr auf. Ihre Stimme ist freundlicher, wenn auch bestimmend.

„Warum haben sie ihren Hund nicht an der Leine?“

Die Chefin guckt konsterniert.

„Ist er doch.“

„Ja jetzt!“, klingt die Zweite schon etwas unfreundlicher. „Sie wissen sehr wohl was ich meine.“

Die Chefin räuspert sich.

„Was soll ich ihnen jetzt sagen? Hier im Park waren weder Menschen noch Tiere weit und breit zu sehen, also habe ich meinen Hund abgeleint, damit er sich wie ein Hund fühlen kann. Sie laufen ja auch nicht den ganzen Tag mit ihrem Mann an der Hand durch die Welt. Das hat was mit Freiheit und artgerechter Haltung zu tun.“

Oh oh, die Chefin redet sich gerade in Rage, wenn das mal gut geht.

Die Faltige schaut von ihrem Notizbüchlein auf und sagt; „ Das tut nichts zur Sache und die Begründung ist sehr schal. Wenn sie ihren Hund rennen lassen wollen, gehen sie in den Wald.“

Die Chefin holt tief Luft und schaut auf ihre Uhr.

„Leute, es ist 18.30 Uhr, ich komme soeben von der Arbeit. Der Hund musste raus und ein Wald war nicht gleich zur Stelle. Zudem – und das wissen Sie genau – darf im Wald der Jäger schießen. Egal ob auf Wild oder Hund. Und bevor sie mir etwas von unseren großartigen Hundewiesen erzählen wollen – die kenne ich. Direkt an den Hauptstraßen gelegen, sorgen diese für eine natürliche Auslese der Hundeüberbevölkerung unserer schönen Stadt.“

„Haben sie Hundemarke und Kotbeutel dabei?“, übergeht die Faltige die Erklärung meiner Chefin.

„Nein und ja.“

„Wie jetzt?

„Hundemarke nein, Kotbeutel ja. Ich bin schließlich eine korrekte Hundehalterin und mache den Dreck meines Hundes weg. Doch das tut bestimmt auch nix zur Sache, denn wichtig ist, dass sie mich in einem menschenleeren Park mit meinem freilaufenden Hund erwischt haben.“

Ui, die Chefin ist stinksauer. Sie zittert ein wenig. Da sind wir uns gleich, mein Frauchen und ich. Angriff ist die beste Verteidigung. Nur das danach schmeckt manchmal bitter…

Ich erinnere mich mit ungutem Gefühl an eine Situation, die noch nicht lange her ist und sich am selben Ort abspielte. Unser Park im Viertel. Wir waren gerade am Träumen, die Chefin und ich, wobei sie die Blätter an den Bäumen betrachtete und ich das Gras auf dem Boden absuchte, als aus dem Nichts plötzlich ein riesiger Schäferhund vor mir stand.

„Wer bist du?“, knurrte er mich an.

„Geht dich nichts an.“, pöbelte ich zurück und warf einen schnellen Blick auf die Größe seiner Eier. Erkennend, dass nun Ärger auf mich zukam, reckte ich mich in die Höhe und drückte gleichzeitig mein Kreuz in die Breite. Meine eigenen Eier schrumpelten dabei auf Rosinengröße. Den Anblick gönnte ich dem anderen jedoch nicht und zog dafür meine Lefzen höher, damit er mein herrliches Gebiss bewundern konnte.

„Geh mir aus dem Weg, du Lump!“, bebte mir aufgebracht die raue Stimme des Schäferhundes entgegen.

„Lump? Was Besseres fiel dir wohl nicht ein?“, lachte ich unvorsichtig in dessen aufgebrachte Schnauze.

Und bevor meine Chefin noch: „AUS! Lenny zurück!“ rufen konnte, stürzte ein riesiger Schatten auf mich und versuchte seine Zähne in meinen Hals zu graben. Nun bin ich körperlich nicht der Größte, aber sehr beweglich und konnte mich dadurch von den gröbsten Verletzungen in Rettung bringen, indem ich mich unter ihm hervorwandte und auf den Rücken des Großen sprang.

Ein lauter Pfiff erschallte. Aufgeregte Stimmen klangen in meinem Gehörgang nach.

„Hermann! Aus!“

„Lenny! Aus!“

Dann ruckte es an meinem Halsband und gleichzeitig an dem des anderen Hundes und wir wurden auseinandergerissen. Die Leinen klickten in die Halsbänder und unter vielfältigen Entschuldigungsbekundungen gingen unsere Menschen mit uns zappelnden Vierbeinern an der Leine jeder seiner Wege. Meiner fiel etwas kürzer aus, da mich dieser Angeber tatsächlich erwischt und mir eine Beißwunde am Lefzen als Gruß hinterlassen hatte. Das hieß: ab zum Tierarzt. Das ist für mich insofern okay, da ich dort immer leckere Würstchen als Belohnung nach der Untersuchung bekomme. Doch es gibt Tage, da würde ich mir das Würstchen lieber klemmen und auf die rektale Analyse meines Gesundheitszustandes verzichten.

Die Chefin schaute mich an, als wüsste sie ganz genau, was in meinem kleinen Hundeschädel vor sich geht.

„Hund.“, begann sie ihre Belehrung. „Geh solchen Typen doch einfach aus dem Weg. Warum musst du immer stänkern. Es reicht doch, wenn du für mich der Größte bist. Was die anderen denken, sollte dir egal sein.“

Aha! Sagt genau die Richtige. Getreu dem Motto: Es gibt nur eine Wahrheit und das ist meine.“, motzt die Chefin sich gern durch das Leben, nur um am Ende doch noch klein beizugeben, wenn das Gegenüber wortgewandt für klare Sicht am Meinungshimmel sorgt.

Doch zurück zu den zwei Damen, meiner Chefin und mir, der auf seinem Hinterteil sitzend, das Spektakel von unten friedlich betrachtet.

Das Frauchen dampft, die Uniformierten irgendwie auch.

Die eine notiert sich Sachen, die andere fragt nach.

„Ihren Namen bitte.“

Die Chefin spricht laut und langsam, als hätte sie zwei Erstklässler vor sich.

„Wie wird das geschrieben?“

„Mit Ä wie Ärger.“

Ich muss grinsen. Schlagfertig ist sie ja, die Hüterin über mein Leib und Leben.

Dann folgen Adresse und Geburtsdatum. Vielleicht wollen sie ihr eine Grußkarte zum Geburtstag schicken, überlege ich noch, als die Chefin plötzlich an meiner Leine ruckt und einen ‚erfolgreichen Abend’ über ihre Schulter wirft. Wir sind hier fertig.

Später am Abend, als sie ihren Unmut beim Chef abgeladen hat, schauen wir uns verstehend an.

„Weißt du, kleiner Kumpel, deine Freiheit wird langsam ganz schön teuer.“

Ich horche auf.

„Aber das ist es mir wert. Irgendwie. Dann verzichte ich lieber auf meine eigenen kommerziellen Wünsche und lege die Piepen für dein Wohl an.“

Was soll ich sagen? Das letzte Wort … schenke ich heute meiner Chefin.

*Pokö-Labbistafvis: Polenköter. Labrador-Staffort-Viszla-Mix

 

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