Die Chefin und ich am Rande des Wahnsinns.

Beim Rockstarhund war viel los in der letzten Zeit, so viel, dass nicht alles in eine Geschichte passt. Aber lasst mich erzählen, von den Dingen, die meine Chefin und mich an den Rand des Wahnsinns und wieder zurück brachten, von Gästen, die mein Bett belegten und meinem trickreichen Leckerlikonsum.

Die Chefin schüttelt nicht verstehend ihren Kopf, während sie auf ihr Smartphone starrt. Dann wischt sie hier und tippelt da, schüttelt den Kopf noch heftiger, so dass sich die kunstvoll arrangierten Haarwellen zu einer Sturmflut aufstellen. Dann legt sie das Handy weg und schaut mich grübelnd an.

„Hund“, beginnt sie mit fester Stimme und ich ahne Schlimmes „Wir müssen in Zukunft kürzer treten. Also du an der Leine. Das heißt, dein Wende- und Schnupperradius wird um mindestens sechs Meter gekürzt. Du läufst ab heute bei Fuß.“

Ich gucke sie aus treuherzigen Augen an, sehe die Worte aus ihrem Mund purzeln und versteh doch so gar nicht ihren Inhalt.

„Warum?“, stöhne ich fragend auf, und wie immer deutet die Chefin meine nonverbale Kommunikation richtig.

„Im Park ist mal wieder ein Irrer unterwegs, der Giftköder auslegt. Diesmal gut getarnt als belegte Schulbrote. So sieht es zumindest für die Spaziergänger aus. Wie weggeworfene Schnitten, die ein Kind nicht mehr essen wollte. Doch darin verbirgt sich Rattengift. Und als ob das nicht schlimm genug wäre, liegen diese Scheiben nahe des Kinderspielplatz aus. Das dritte Mal schon. Ich verstehe diese Menschen nicht. Was geht in deren Hirn vor? Oder ist im Oberstübchen nur das Licht an und keiner daheim?“

Ich schaue der Chefin zu, wie sie sich weiter in Rage redet. Das Thema ist ernst und bei ernsten Themen findet mein Frauchen klare Worte.

„Arschloch! In den eigenen Rachen würde ich so einem das Zeug stecken. In dem Fall plädiere ich für Selbstjustiz!“

Ich stimme ihr mit einem kurzen Wuff zu. Dann führt sie ihre Rede an mich gewandt fort. Ist ja auch keiner weiter da, der zuhören könnte.

„Da soll mir so ein Hundehasser lieber mit seiner flachen Hand ins Gesicht schlagen, weil er Hunde nicht leiden mag. Aber nur wenn er das Echo verträgt.“

Ich grinse innerlich, weil mir dabei spontan der Chefin ihre physische Entgleisung Ende des letztens Winters einfällt. Wir waren im Park spazieren und trafen dort auf eine uns unbekannte aber sehr charmante Rottweilerdame nebst Frauchen. Während die beiden Menschinnen sich angeregt unterhielten, beschnüffelte ich ungehemmt die mir dargebotene Hundefrau. Nachdem wir unseren Status abgeklärt hatten, tollten wir im Schneematsch umher und jagten uns gegenseitig. Plötzlich erschnüffelte ich ein weiteres Odeur, herb und rivalisierend. Ich schaute in die Richtung, aus der jener Duft meine empfindliche Nase erreichte und erblickte in der Ferne zwei haarige Fiffis. Rasse Schoß- und Renterhund. Meine Chefin, deren Nase eher zurückhaltend, dafür der Blick durch Gläser auf derselbigen geschärft ist, entdeckte zeitgleich das Übel auf acht Pfoten in ungefähr zweihundert Meter Entfernung. Doch bevor sie reagieren konnte, ließ ich meine neue Freundin links liegen und rannte scharf gerade aus. Schon ereilte mich der erste Pfiff und ein bestimmendes: „Stop! Bleib!“

Zehn Schritte weiter und fünfzig Meter vor dem Ziel hielt ich tatsächlich an. Ich kenne die Chefin zu gut und das Donnerwetter, welches folgt, wenn ich nicht höre. Also blieb ich mit steiler Rute und aufgestelltem Nackenfell an Ort und Stelle stehen. Hinter mir hörte ich das aufgeregte Getrappel meiner Chefin ihrer Füße. Gleich würde der Karabinerhaken der Leine in mein Halsband klicken. Doch was war das? Rentner samt Hundegefolge setzten sich in Bewegung und steuerten auf mich zu? Die Leine des einen Fiffis rollte sich aus und feindselig beschritt dieser meine Richtung. Begleitet von einem unterschwelligen Knurren, welches beschrieb, wer hier der Boss ist. Richtig beleidigend wurde der. Das konnte ich mich nicht gefallen lassen! Das durfte ich bei meiner Hundeehre nicht! Und noch bevor mein Frauchen mich daran hindern konnte, sprang ich dem unfreundlichen Rotzer in den Rücken. Nun muss man wissen, dass ich im Pöbeln und Warnen ein ganz Großer bin. Wenn es jedoch darauf ankommt, bin ich lammfromm. Deshalb wollte ich es heute nur bei einer alarmierenden Warnung belassen und trollte mich nach meinem Sprung sofort wieder. Nur trollte sich auch der Rentner, nämlich mir hinterher. Meine Deckung hatte ich mit meiner sprunghaften Ermahnung vergessen und so knallte urplötzlich das harte Leder seiner plumpen orthopädischen Schuhe an meinen Kopf und ich flog ohne eigene Anstrengung zwei Meter weiter. Glücklicherweise bin ich mit einem harten Schädel ausgestattet, welchen ich verdutzt schüttelte um im nächsten Augenblick mein wutentbranntes Frauchen auf den Alten zufliegen zu sehen. Es klatschte links, dann klatschte es rechts und beide Parteien schauten sich erschrocken an. Die Handabdrücke meiner Chefin glühten seltsam rötlich auf dem sonst so blassen Gesicht des alten Mannes.

Dann spukte er ihr Todesdrohungen ins Gesicht, welche mit einem unsicheren aber schallenden Lachen meiner Menschin abgetan wurden.

„Deinen Ausweis! Sofort!“, brüllte der Rentner weiter. Die Chefin lachte lauter.

„Ich kann dir ein Leckerli und eine Kackertüte geben, alter Mann.“, antwortete sie scharf. „Pass auf das du und deine Tölen Land gewinnen. Meinen Hund trittst du nie wieder.“

Dann kam sie im Stechschritt auf mich zu, klackerte mich hölzern an die Leine und marschierte den Weg aus dem Park heraus. An ihrem Gesichtsausdruck konnte ich sehen, wie aufgewühlt sie tatsächlich war. Ihr schlotterten buchstäblich die Knie, doch das konnte und durfte sie sich nicht anmerken lassen. Erst später und sicher geborgen in den Armen des Chefs schniefte sie leise auf und schnüffelte verlegen, dass sie sich selbst nicht wiedererkannt hätte. Der Chef jedoch streichelte ihr den Kopf und nannte sie seine kleine Löwin. Und da ich weiß, wie die kleine Löwin brüllen und mich verteidigen kann, vertraue ich ihr noch mehr. Auch, dass sie mich nun an die kurze Leine nehmen müsse. Was nicht schön, aber für mich einfach sicherer ist.

Also gehen wir Bein an Bein durch die Straßen bis zum Park und üben fleißig ‚Pfui’. ‚Pfui’, heißt, dass ich nichts vom Weg aufnehmen darf, was mir die Chefin nicht erlaubt. Nur mit einer Aufforderung ihrerseits, darf ich das Leckerli vom Boden klauben. Dafür lässt sie es zu, dass ich im Park wieder frei herumrennen und mit anderen Kumpels frei spielen kann.

Nur wenn das eine Unheil in die Schranken gewiesen wird, taucht meist schon das nächste auf. Hundebesitzer haben es eben nicht leicht.

Heute Mittag spazierten die Chefin und ich durch den schönen und sonnigen Herbsttag und spielten mit meinem Lieblingsball auf der Hundewiese, als ungesehen ein neuer und sehr attraktiver Duft meine Nase erreichte. Meist fangen unsere Geschichten damit an, so auch diese.

Während mein Frauchen den Ball in die Luft wirft und statt gepfefferten fünfzig Metern gerade mal zehn erreicht, erblicke ich den Grund des lieblichen Parfüms. Über der kleinen unbefahrenen Straße, gerade auf der gegenüberliegenden Wiese läuft eine stolze Schwarzfellige. Auch sie hat mich erblickt und so betrachten wir uns für einen Sekundenbruchteil aus der Ferne. Ich sehe das Leuchten in ihren Augen und die Leine, welche sie davon abhält zu mir zu kommen. Sie muss nicht zweimal bitten. Kurz blicke ich zur Chefin, die mit der kurzen Flugbahn des Balles beschäftigt ist, dann renne ich los zu der Schönen. Aus den Augenwinkeln nehme ich ein Motorrad wahr, welches gerade einparkt und den lärmenden Motor ausschaltet, dann bin ich auch schon weg. Noch bevor mein Frauchen realisiert, was ich tue, bin ich bei der Schwarzfelligen angekommen und genieße ihren betörenden Duft. Einen sehr tiefen Atemzug nehmend, höre ich meinen weiblichen Feldwebel befehlend nach mir rufen. Ich schließe die Augen nach altbekanntem Motto: Wenn ich dich nicht sehe, siehst du mich auch nicht.“ Dann bezirze ich die Dame mit meinem Fruchtbarkeitstanz, indem ich meine Vorderbeine in das Gras drücke und das Hinterteil steil anhebe. Die Ohren stecke ich wie langes Haar zurück und meine Schnauze halte ich leicht lächelnd offen. Dabei rutsche ich von links nach rechts und wieder zurück, was aussieht, als würde ich tanzen. Der Schönen gefällt es, ihrem Menschen am anderen Ende der Leine nicht. Er packt mich am Halsband und schleift mich samt seiner Hündin zurück zur Straße und versuchsweise auf die andere Wiese. Am Rand derer steht meine Chefin und diskutiert gerade wild mit dem Fahrer des abgestellten Motorrades. Wie ich erst jetzt erfahre, ist dieser ein Polizist, der ihr klar zu machen versucht, dass ich, ihr Hund sich nicht mehr auf der Hundewiese befände. Und ohne Leine ist das strafbar.

Meine Chefin meinte dagegen, dass ich ausgebüxt sei, weil ich eine leckere Hundedame erblickt hätte. Das interessiert den Polizisten nicht und er meint, sie hätte mich wohl nicht im Griff.

Nun ist die Chefin nicht auf den Mund gefallen. Feixend blickt sie den argumentierenden Gesetzeshüter an und spricht: „Sie sind doch ein Mann. Wenn sie eine schöne und heiße Frau erblicken, schauen sie ihr auch hinterher und sprechen diese gegebenenfalls an….“

Tatsächlich hört der Polizist für einen kurzen Moment auf zu lamentieren und schaut stumpf auf mein Frauchen. Dann schüttelt er das fast kahle Haupt und murmelt mehr zu sich selbst: „Mit ihnen diskutiere ich nicht weiter.“, bevor er auf seine lärmende Maschine steigt und weiterfährt.

Ich belle ihm noch kurz meine Meinung hinterher und lasse mich danach bereitwillig meiner Chefin übergeben, die mich kurzerhand an die Leine knipst und sich bei dem Herrchen der Schwarzfelligen bedankt.

Dieser feixt über das ganze Gesicht und bedankt sich für den Spruch des Tages, bevor er mit der Schönen seiner eigenen Wege geht.

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