Darm mit Charme

Es ist Sommer. Wir stehen in einem kleinen Buchladen, die Luft ist stickig und es gibt keine Klimaanlage. Durch die geöffnete Tür wabert nur noch mehr heiße Stadtluft in den kleinen Raum. Ich schaue an den haarigen Beinen vor mir hinauf. Langsam. Ganz langsam. Beginnend bei den beigen Socken mit braunem Rautenmuster in kessen dunkelbraunen Trekkingsandalen, über hellbeige Waden mit wilder Andeutung eines Fell., über recht dürre Schenkel, welche ganz oben in waldbodenbraunes Cord gewandet sind. Weiter komme ich nicht. Die Trekkingsandalen strengen sich an, den Laden zu verlassen. Ich höre meine Chefin nach einem Buch fragen. „Darm mit Charme“. Kann sie haben, denke ich und zwinkere mir selbst zu. Doch charmant sind die Worte nicht, welche innerhalb weniger Sekunden auf meine Darmtätigkeit reagieren.

„Das war der Hund!“, höre ich verstört meinen Menschen sich rechtfertigen. Hinter mir kichert ein kleines Kind. Ich drehe mich verschwörerisch zu ihm um. Wir klatschen uns in Gedanken ab. Ghetto-Fist. Zschhhhh. Nun wird die Büchertante lauter und bittet uns, ihr Geschäft zu verlassen. Sie lacht nicht. Ich schon und hinterlasse noch einen letzten stinkenden Gruß. Spaßbremse. Andere verkaufen ihre Worte über die Resteverwertung der eingenommenen Speisen für viel gutes Geld. Ich dagegen präsentiere kostenfrei wie eine gute Darmtätigkeit funktioniert. Doch weder Applaus noch blinkende Münze werden mir zuteil, sondern schroffe Worte und ein Platzverweis. Draußen kichert nun auch meine Chefin leise vor sich hin. An der nächsten Ecke erhalte ich doch eine kleine Belohnung. Ein Leckerchen und ein kurzes Kopfkraulen.

„War blöd, die Tante, was?!“, höre ich sie dabei murmeln. Wir gehen weiter. Später am Tag sitze ich hinter ihr auf dem Sofa, während sie den Laptop auf den Knien, schnelle Worte auf der Tastatur tippt. Bestellt sie eben das Buch online. Bei soviel Menschen- und Hundeunfreundlichkeit rattert die kalte Maschine lieber leise vor sich hin, während ich mich entspannt dem Grummeln meines Magens widme. Eine Hand krault dabei meinen wohl gefüllten Bauch. Ich entspanne noch mehr. Herrlich so ein Hundeleben. Ich werde schon wieder ganz charmant. Unten rum.

Meine Chefin schickt soeben ihren Einkaufswagen in das elektronische Nirwana und springt fast gleichzeitig mit dem letzten Klick auf.

„Hund!“, ruft sie laut. „Das ist eklig!“ Ich schnuppere hinterher.

Geht doch, denke ich und wedele unmotiviert mit meiner Rute. Dabei war das nicht mein Bester. Wie heute morgen, als meine Chefin im Bad ihrer Morgentoilette nachging und ich mich heimlich in das Schlafzimmer geschlichen hatte, nur um zu schauen, ob der Chef noch schläft und ob ich ihn mit feuchter Zunge über Nase und Mund erwecken könnte. Dabei hatte ich mich diebisch gefreut, ihm ein wenig meines Geruches mit auf den Weg geben zu können. Schließlich hatte ich meine morgendliche Säuberung schon erledigt. Doch der Kerl drehte sich einfach murrend weg. Okay. Dann in wenigen Minuten noch einmal. Und kurz bevor ich das Schlafzimmer verließ, setzte ich noch einen leisen, luftigen Guten-Morgen-Gruß in die Atmosphäre des dunklen Raumes.

Wenig später hörte ich die Chefin aufstöhnen, Rollos an der Schnur hochratschen und geräuschvoll die Fenster an die Wand schlagen. Dann rüttelte sie den Chef munter. Ich kam nicht umhin, um die Ecke zu illern. Ihr Gesicht schwebte über seinem. Eine müde Hand streichelte ihre Wange und er hob langsam seine Lippen an die ihren. Ich freute mich. Ich war begeistert. Wir teilen eben alles. Wir sind eine Familie. Er küsste sie. Und sie…

„Uff, was hast du gestern gegessen? Du stinkst!“, rief sie entsetzt.

Was?, dachte ich, und schnupperte an meinem eigenen Atem. Roch doch großartig! Ich trollte mich enttäuscht zurück in das Wohnzimmer, auf meinen Platz und wartete dort, bis Schuhe und Schlüssel anfingen zu klappern.

 

PS.: Orte und Namen wurden geändert.

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